Narri , Narro und etwas Nachdenkliches im Ortenauer Narrenbund e.V.
„Löblich ist ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn“, schreibt Goethe in der vierten Strophe seines Gedichtes „ Der Cölner Mummenschanz“, 1825. Will heißen, dass im tollen, im verrückten, im fastnächtlichen Spiel nur Sinn liegt, wenn es Zeitbegrenzung („…kurz ist…“) und Regelwerk („… und mit Sinn“) einhält. Das mag sich auf den ersten Blick sehr konservativ anhören, denn die Fastnacht ist ja eine Festform die für Spaß und ausgelassene Freude steht. Das ist richtig, doch nicht alles! Unsere Fastnacht hat tiefe Wurzeln. Die Fastnacht bezieht sich auf die 40-tägige, vorösterliche Fastenzeit unserer christlichen Kirche. Fastnacht, die Nacht vor der Fastenzeit. Wenn es Sie interessiert, wie unsere Fastnacht entstanden ist und warum sie welche Brauchformen entwickelt hat, so kann ich Ihnen folgenden Link auf unserer Homepage empfehlen: „Wir müssen wissen, was wir an Fastnacht tun.“
Der Ortenauer Narrenbund wurde 1981 gegründet, als viele Zünfte in unserer Region nach einem geordneten Zusammenschluss strebten. Die Zünfte unseres Verbandes stehen in der Fortführung ihrer örtlichen Fastnachtstraditionen, die bis in die 1850er Jahre zurückreichen. Die Fastnacht ist eine Festform die von der Bewegung lebt. Alles fließt, sagten schon die griechischen Denker des Altertums und meinten damit die ständige Veränderung, der alles ausgesetzt ist. So auch die Fastnacht. Bräuche entstanden, vergingen, oder veränderten sich.
Das Reinheitsgebot der Fastnacht gibt es nicht
Wer von dem Reinheitsgebot unserer heutigen Fastnacht spricht, ist realitätsfremd. Was ist Reinheit? Es ist etwas steriles, blasses, es ist leblos. Die Fastnacht lebt aber! Sie lebt von der Vielfalt, von den Einflüssen des jeweiligen Zeitgeistes, und nicht zuletzt von den Menschen, die sie erst belebt. Gerade in den 20er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchzogen karnevalistische Bräuche unsere Region. Ein Großteil fiel nach einer friedlichen Konterrevolution alemannischer Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln wieder weg. Aber einige blieben. Gerade im Nordbereich unseres Verbandgebietes hielten sich Bezeichnungen wie Elferräte, Garden und Redouten, im Süden gab es sie nicht oder verschwanden wieder so wie sie gekommen waren.
Korrekt ausgedrückt haben diese Zünfte eine alemannische Brauchvermischung mit karnevalistischen Elementen. Sind diese Zünfte nun deswegen „unreine“ Zünfte? Ist der Ortenauer Narrenbund deswegen ein „unreiner“ Verband, weil er einige dieser Zünfte in seinen Reihen hat. Vertritt er den rheinischen Karneval in der alemannischen Fasnet? Wer das behauptet, dem spreche ich seine Kompetenz zum Thema Fastnacht völlig ab.
Die Fastnacht ist und konnte seit ihrer Entstehung bis zum heutigen Tag nie statisch verlaufen, denn dann hätte sie sich nie weiterentwickeln können und wäre vermutlich sang und klanglos untergegangen. Ich erachte es sogar für überaus wichtig, dass diese „Zeitzeugen“ erhalten werden, sind sie doch ein lebendiges Dokument der fastnächtlichen Brauchentwicklung. In jeder Stadt gibt es Häuser, die unter Denkmalschutz stehen. Dies können Häuser aus dem 12. Jahrhundert aber auch aus den 1970er Jahren sein. Alles sind Baudenkmäler ihrer jeweiligen Epoche. Wer nur kurzsichtig lebt und nicht bereit ist, das Ganze zu betrachten, der sollte folgendes Zitat verinnerlichen: „Was wir heute für wahr und richtig erachten, liegt an dem Jahrhundert in dem wir leben“.
Feste Spielregeln gepaart mit Eleganz, Toleranz und Spontanietät
Der Ortenauer Narrenbund steht für das regionale Fastnachtsbrauchtum, und gerade aus diesem Grund bin ich persönlich der Auffassung, dass auch diese Einflüsse bewahrt und erhalten werden müssen. Wir können in unserem Stammbaum nicht einige Zweige weglassen, nur weil sie uns nicht bequem sind. Zudem pflegen alle Narrenzünfte des Ortenauer Narrenbundes das alemannische Brauchtum, nur heißt es bei einigen Zünften Elferrat statt Narrenrat, Gardetanz statt Brauchtumstanz und Redouten anstatt Zunftabend. Der Inhalt ist jedoch der gleiche, nur die Bezeichnungen sind Über- bleibsel verschiedener fastnächtlicher Zeitepochen.
Fasent im Hanauerland von Ewald Weinald
Die Pflege der eigenen Fastnacht zu Hause ist der erste Auftrag aller Verbandszünfte. Gezielte Narrentreffen JA! Wahllose Narrenwanderungen NEIN! Weniger ist oft viel mehr. Uns obliegt es, die örtliche Fastnacht zu organisieren, jedoch nicht zu überorganisieren. Fastnacht ist Spontanität, Eleganz, Schlichtheit und Rituell. Neben aller menschlichen Ausgelassenheit gehört auch Wissen, Geist, Toleranz und Respekt dazu. Alles zu einer Symbiose verschmolzen entscheidet, ob eine Zunft gut oder weniger gut ist.
Der Ortenauer Narrenbund ist der einzige Narrenverband in Baden-Württemberg, der Träger der Freien Jugendhilfe ist.
Darauf sind wir besonders stolz. Bis wir dieses ehrgeizige Vorhaben verwirklichen konnten, ging ein zweijähriges Anerkennungsverfahren voraus, indem jede einzelne Verbandszunft ihre Jugendarbeit nachweisen musste. Der Jugendausschuss des ONB ist eine hervorragend funktionierende Einrichtung, die uns maßgeblich an die Spitze der Südverbände geführt hat. Die Jugendarbeit in den Zünften ist äußerst wichtig, doch erst durch die verbandsübergreifende Arbeit ist sie wirkungsvoll. Die Jugendarbeit des ONB besteht aus drei tragenden Säulen:
Heranführung an die Normen der Gesellschaft über Maßnahmen der/s
Pflege des heimatlichen Fastnachtsbrauchtums
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Förderung der Häs tragenden Jugend
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Vermittlung kultureller Werte
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Jugend als Erbe eines traditionsreichen Brauchtums
Vereinsführung / Öffentlichkeitsarbeit
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Führen, Leiten, Motivieren
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Vorbildfunktion
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Vereinsmanagement
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Rechtsgrundlagen in der Jugendarbeit
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Demokratische Willensbildung
Nach diesen Punkten richten wir unsere erfolgreiche Jugendarbeit aus. Die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit den Jugendbeauftragten der Verbandzünfte sind der Garant, dass unsere Kinder und Jugendlichen selbstbewusste und stolze Hästräger sind, die sich den traditionellen Elementen unser alemannischen Fastnacht bewusst sind.

Fasent im Renchtal von Ewald Weinald
Wir sind stolz auf unsere Heimat
Ich behaupte, das jede gut geführte Narrenzunft auch ein Stück Heimatverein ist. Sei es die Zunftbezeichnung, die auf eine Jahrhundert alte (neckische) Namenbezeichnung der Stadt oder der Gemeinde hinweist. Die Häser sind ein farbenfrohes Sinnbild städtischen oder dörflichen Traditionsbewusstseins. Jede örtliche Fastnachtsgeschichte ist gebunden an die örtlichen Vereine und Personen.
Somit ist jedes Zunftarchiv auch ein örtliches Zeitzeugnis. Nicht zu vergessen die vielen liebevoll restaurierten Zunftkeller, Zunftstuben und Zunfthäuser, die es ohne die Eigeninitiative der Zünfte heute gar nicht mehr gäbe. Ein guter Hästräger ist ebenso stolz auf sein „Kleidle“ (Häs) und „sei Gsicht“ (Scheme/Maske), wie auf seinen Heimatort, und seine Region.
Wir müssen wieder mehr Fasent für uns selbst machen
Schreitet an einem Narrentreffen des Ortenauer Narrenbundes eine Verbandszunft stolz durch die Zuschauermengen, dann ist das ein ergreifender Anblick. Tausende Narrenglöckchen geben den Takt dazu an. Unzählige Narri & Narro Rufe sind zu hören, ein Krachen und ein Dampfen in allen Ecken und Passagen. Ein Umzug ist immer etwas Schönes für die Darbietenden und für die Zuschauer. Eben eine närrische Darbietung.
Da gibt es aber noch etwas anderes, was meiner Auffassung nach zu oft in Vergessenheit gerät. Die nicht organisierte Fasent. Das spontane sich Treffen und verkleidet um die Häuser ziehen. Das „Schnurren“ oder das „Strählen“ der Bürger. Einfach einmal für sich Fastnacht machen ohne Zuschauer. Den Herrgott ein guter Mann sein lassen, und eintauchen in die Fasent, in das Spiel der verkehrten Welt, in dem wir die Spieler und die Spielfiguren zugleich sind. Dieses Spiel kostet kein Geld, aber Kreativität, Zeit und pure Lust an der Freud. Tugenden, die heutzutage mit dem einen Wort „Stress“ zunichte gemacht werden. Dabei liegt es doch nur an uns. Haben wir das schon zwischenzeitlich verlernt? Ich hoffe nicht. Versuchen wir es doch einfach einmal wieder.
Die neue Zeit ist aufregend, wir müssen darauf reagieren
Wer sich heute noch um Inhalte in der Fastnachtsforschung streitet, wer behauptet seine Zunft oder sein Narrenverband ist das einzig Wahre am Fastnachtsfirnament, der tut mir leid, denn er hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden.
Wir befinden uns in einem Globalisierungsprozess auf dem die Fastnacht reagieren muss. Arbeitsplätze sind wertvoller denn je, bleibt das Ehrenamt, dass für unsere Arbeit lebensnotwendig ist dadurch auf der Strecke? Wie können wir mittelalterliche Fastnachtsbräuche in eine moderne Verpackung bringen, ohne ihren Jahrhunderte alten Traditionsanzug zu beschädigen? Wie können wir Kinder und Jugendliche erklären, dass es fastnächtliche Werte gibt, ohne als Spießer zu gelten?
Um es auf den Punkt zu bringen: Wie können wir in dem Zeitfenster, für das wir verantwortlich sind, die Fastnacht so gestalten und bewahren, dass die nachfolgende Generation darauf aufbauen kann?
Die Antwort ist einfach und schlicht. Indem wir gewisse Herrschaftsdenkweisen und fastnächtliche Ideologien aufgeben und zusammen diese Aufgaben engagiert, offen und konsequent angehen.
Wo kämen wir hin
Wenn alle sagten:
Wo kämen wir hin?
Und keiner ginge,
um einmal zu schauen
wohin man käme,
wenn man (gemeinsam) ginge.
Ihr
Rainer Domfeld
Präsident